Zeitungsartikel aus dem Extra-Blatt und dem General-Anzeiger:
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Bevölkerung zeigte Flagge - Protest gegen Rechts


Rhein-Sieg-Kreis - Weit unter allen Erwartungen blieb die Teilnehmerzahl der umstrittenen Demonstration des "Bündnis für Deutschland" am Vergangenen Samstag. Gerade einmal 16 Teilnehmer aus dem rechten Lager hatten den Weg in die Kreisstadt gefunden, wo der Marsch seinen Anfang nehmen sollte. Zum Schutz dieser Demonstration vor eventuell gewalttätigen Gegendemonstranten hatte die Polizei etwa 2000 Beamte aufgeboten, welche das Grüppchen vom Abmarsch am Kreishaus bis zum Karl-Gatzweiler-Platz in Sankt Augustin nicht aus den Augen lassen sollte. Im Gegensatz zur Demonstration des "Bündnis" wurde die Gegenkundgebung verschiedenster Gruppen auf dem Nogenter Platz in Siegburg ein voller Erfolg. Etwa 450 Personen, darunter auch führende Kommunalpolitiker, hatten sich nach Schätzungen der Polizei versammelt, um der rechten Szene die Stirn zu bieten. Neben einem vielseitigem Musikprogramm, unter anderem mit "Brings" und "Klaus dem Geiger", riefen eine Reihe von Rednern zu mehr Zivilcourage und Mut gegen rechte Gewalt auf. So sprachen Wolfgang Overath, Pfarrer Joachim Knitter, Karl-Heinz Rauch von der ÖTV und mehrere Schülervertreter. Eine bewegende und sehr eindringliche Rede hielt Abt Placidus Mittler vom Siegburger Stift Sankt Michael. Er erinnerte insbesondere an seine eigene Jugend, in der er den Nationalsozialismus miterlebt hatte. Damals habe er in "einer einzigen seelischen Zwangsjacke" gesteckt. Man müsse neben allem Protest auch darüber nachdenken, wie den Anfängen zu wehren sei, so der Abt. Unterdessen war der Zug der Rechtsextremisten an der Kreuzung B56/Mendener Straße zum stehen gekommen. Etwa 150 Gegendemonstranten blockierten die Fahrbahn. Drei Stunden lang standen sich die Gruppierungen gegenüber, dann begann die Polizei mit der Räumung der Kreuzung. Der "Marsch" der Rechten löste sich indes auf. Das vorgesehene Ziel Sankt Augustin wurde gar nicht erst erreicht, denn die Rechtsextremen zogen es vor, im Taxi nach Hause zu fahren. Die Reaktion der Bevölkerung auf die Parolen rechter Gruppierungen hatte offenbar Wirkung gezeigt.


Quelle: Extra-Blatt



Auf der Siegbrücke war Endstation


Demo - Links-Demonstranten stellten sich in Mülldorf den 16 rechtsextremen Maschierern in den Weg. Die fuhren nach drei Stunden im Taxi nach Hause. Polizei kesselte gut 100 Menschen ein.

Es war der in der Region meist beachtete 500-Meter-Lauf vor dem Start der Olympischen Spiele in elf Tagen und taugte doch für kein rühmendes Edelmetall.
Der Marsch des rechtsextremen "Bündnisses für Deutschland" (BfD) von Siegburg nach Sankt Augustin endete am Samstagmittag bereits nach knapp 20 Minuten auf der Siegbrücke. Grund: Auf Augustiner Seite hatten knapp 150 Gegendemonstranten die Kreuzung der B56 mit Meer- und Mendener Straße blockiert. Polizisten kesselten sie zwar ein, setzten aber dann auf Deeskalation und wagten nicht, die 16 Maschierer an ihren Gegnern vorbei zu geleiten - denn auch hinter der Kreuzung hatten sich gut 250 Menschen versammelt, die aus ihrer teils kompromißlosen Einstellung gegen rechtes Gedankengut keinen Hehl machten.

Nach mehr als drei Stunden Stillstand gab das "Bündnis" auf: In Taxis fuhren die Rechts-Demonstranten um Helmut Fleck und Sascha Jörn Hansen von der blockierten Brücke herunter und auf der A560 gen Hennef davon. Auf eigene Kosten, wie Polizei-Einsatzleiter Georg Dissen später beteuerte: "Die Taxis hat Herr Fleck bestellt. Und wer bestellt, bezahlt."

Siegburg kurz nach 11 Uhr am Kreishaus. Der Kaiser-Wilhelm-Platz, sonst brausender Verkehrsknoten, gleicht einem Heerlager. Ein grüner Mannschaftswagen steht neben dem anderen. An der benachbarten Tankstelle warten mehr als hundert Polizisten. Davor herrscht leicht Ratlosigkeit: Wo versammelt sich die rechtsextremistische Demonstration, bitte? "Hier", antwortet ein Polizist und weist auf den einsamen Helmut Fleck. Ein paar Meter weiter steht Sascha Jörn Hansen: Der Pennäler aus Neunkirchen-Seelscheid ist BfD-Kreisvorsitzender und Mitorganisator des Protestmarsches "Gegen Bildungsnotstand, Ausländerkriminalität und Drogen an deutschen Schulen".

Es dauert lange, bis sich den beiden Organisatoren genug Sympathisanten zugesellt haben, das es einen Träger für jede der Plakattafeln gibt, auf denen beispielsweise steht: "Kriminelle Ausländer sofort raus!" Auf der anderen Seite des Kreishauses marschieren unterdessen linke Gegendemonstranten auf - effektiv organisiert bis hin zur eigenen Ambulanz. Es wehen Transparente der "Föderation der Anatolischen Volks-Kulturvereine" und die schwarz-roten Flaggen der Anarchisten-Bewegung. Präzise schallen die Sprechchöre: "Tod dem Faschismus überall! Hoch die internationale Solidarität!" Die Polizei lenkt die knapp 200 Marschierer ums Kreishaus herum ins Zentrum der Kreisstadt. Sie ziehen auf den Markt und auf die Kaiserstraße, machen für kurze Reden halt. Später setzen sie sich in die Stadtbahn und fahren gen Augustin.

Um 11.45 Uhr ist die kleine Schar der Rechts-Demonstranten auf 16 gewachsen. Ringsum von Polizei umgeben, setzt sich der Zug in Bewegung. "Frei, sozial und national", skandiert Hansen, und "Deutsche Gelder für deutsche Interessen!", während der mit deutschen Geldern finanzierte Polizeihubschrauber knatternd über der Gruppe kreist. "Nazis raus!", erschallt die Antwort der Gegenseite. Die Bonner Straße entlang passieren die Marschierer den Stadtteil Zange, betreten die Siegbrücke. Und dort ist Schluß.

Eben noch war die Kreuzung Bonner-/Meerstraße fast menschenleer. Doch plötzlich stehen dort Dutzende von Menschen - immer mehr, bis es an die 150 sind. Sie kommen geradewegs von der Stadtbahn-Haltestelle Mülldorf. Die Polizisten auf der Brücke stoppen den Marsch des "Bündnisses". Flecks Gruppe igelt sich ein: Einsatzwagen rechts und links, Dutzende von Beamten drumherum. Ein paar junge Türken sind auf der Standspur der Autobahn unter der Brücke hindurchgelaufen und auf der anderen Seite die Böschung hinaufgeklettert. Durch eine Lücke im Gebüsch wollen sie sich über das Geländer auf die Straße zwängen. Die Beamten blockieren den Weg mit ihren Schilden. Auf dem Asphalt zerplatzt ein Ei. Beamte und Rechte marschieren ein paar Dutzend Meter weiter. Dann wieder Stillstand.

Auf der Kreuzung ruft die Polizei um kurz nach 14 Uhr zur Ordnung, vorschriftsgemäß drei Mal hintereinander. "Sie behindern durch Verweilen auf der Kreuzung eine genehmigte Veranstaltung", schnarrt der Lautsprecher. Die Beamten schließen ihre Kette immer enger. "Sie begehen eine Ordnungswidrigkeit. Wir beginnen daher mit der Feststellung Ihrer Personalien." Nach und nach führen je zwei Beamten einen Demonstranten ab. Kaum einer wehrt sich, selten packen die Polizisten härter zu. "Laßt die Leute frei", ruft eine Frau am Straßenrand. 99 Menschen sind es schließlich, die anderthalb Stunden später in Polizeibussen nach Siegburg fahren müssen.

Seit mehr als drei Stunden stehen sich rechts und links unbeweglich gegenüber. Regenschauer fallen, es ist kalt und windig. Dann gibt´s auf der Bücke Bewegung: Der "Bündnis"-Marsch löse sich auf, heißt es - freiwillig, wie Dissen später erklärt. Plötzlich ist auch Horst Mahler da: Der Anwalt aus Berlin war in den 70er Jahren Mitglied der RAF und ist heute Vordenker der NPD. Fleck hatte ihn als Abschlußredner auf die Marktplatte geladen. Die beiden sprechen kurz miteinander. Dann rollen die ersten Taxis an. "Die Demokratie ist mit Füßen getreten worden", ruft Hansen ins Megafon. Seine Gesinnungsgenossen steigen ein. Die Sprüchetafeln bleiben im Regen liegen.

Um 15.50 Uhr fährt das letzte Taxi. Vier der fünf unfreiwilligen Chauffeure für die Rechtsextremen waren augenscheinlich Ausländer. Die Einsatzwagen rücken ab. Auch an der Meerstraßen-Kreuzung herrscht schon seit langem gähnende Leere. Der Polizeihubschrauber entschwebt am grauen Himmel zwischen den Wolken - eins von vielen Gespenstern aus Vergangenheit und Gegenwart, die am Samstag zwei Städte heimgesucht haben und dann so plötzlich verschwunden waren wie ein böser Spuk.


Quelle: General-Anzeiger



"Wenn die kommen werden wir alle lachen"


Sankt Augustin - Mehr als 2000 Menschen demonstrierten für Toleranz. Gläubige pilgerten aus fünf Ortsteilen zum Bonhoeffer-Haus. Aktionstag gegen Rechts am RSG! Starke Verkehrsbehinderungen.

Mehr als 2000 Menschen waren am Samstag den Tag über auf den Straßen und Plätzen in Siegburg und Sankt Augustin unterwegs. Sie alle wollten eines: Flagge zeigen. Ein Zeichen setzen gegen Rechtsextremisten, die vom Kreishaus aus über die Bonner Straße zu einer Kundgebung auf dem Augustiner Karl-Gatzweiler-Platz ziehen wollten. Doch ihr Ziel erreichten die Marschierer nicht, zu deren Schutz mehr als 2000 Polizisten aus Nordrhein-Westfalen eingesetzt waren. Auf der Siegbrücke war für die 14 Demonstranten, die Helmut Fleck und Sascha Jörn Hansen vom "Bündnis für Deutschland" begleiteten, Endstation. Rund 150 Gegendemonstranten, zumeist Jugendliche hatten sie gestoppt.

Die Rechten waren um 11.45 Uhr losmarschiert. Auf der Brücke zwischen Siegburg und Mülldorf begann wenig später das lange Warten. Doch nicht nur dort: In beiden Städten und ihrer Umgebung kam es teilweise zu stundenlangen Verkehrsbehinderungen. Gegen 15.00 Uhr lösten Polizisten die spontane Gegen-Demonstration auf. Wenig später bestiegen Fleck & Co. Taxen und fuhren mit ihren Gesinnungsgenossen davon. Das Gericht hatte ihnen zur Auflage gemacht, das die Demonstration um 14.15 Uhr enden müsse.

Drei Stunden zuvor dröhnte es bereits aus den Lautsprechern im Foyer des Rhein-Sieg-Gymnasiums. Mit Pop und Rock, gespielt von den Bands "Lyroholika" und "Vapid Fool", machten 250 Augustiner Gymnasiasten mobil gegen rechts. "Innerhalb kurzer Zeit" hatten sich AEG-Schülersprecher Fabian Rome (18) und seine RSG-Kollegin auf eine Aktion verständigt. "Sie haben mich beeindruckt. Machen Sie so entschlossen weiter", sagte Grünen-Sprecherin Annegret Breinlich, die sich bereit erklärt hatte, als Veranstalterin zu fungieren.

"Rechte für alle, außer für Faschisten", sagte ein Plakat, daß zwei Schülerinnen am Marktplatz befestigten, wo die Rechtsdemonstranten eine Kundgebung planten. Ein Mann und eine Frau hatten derweil Anlage und Mikrofon unter einem Sonnenschirm installiert. Die Schüler, die in vielen Gruppen rund um den Platz warteten, rätselten, wo denn die "Nazis" blieben. "Weißt du, was wir machen, wenn die kommen? Wir werden alle ganz laut lachen", schlägt eine Frau vor.

Ansonsten geht eigentlich alles seinen normalen Gang. "Es ist noch ganz ordentlich etwas los", sagt Huma-Center-Manager André Theurich, der für den Tag einen Sicherheitsdienst angefordert hatte. Gegen 12 Uhr werden die Läden indes deutlich leerer.
Etwa zur gleichen Zeit beginnt im Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Mülldorf ein Gottesdienst der besonderen Art. Unbeeindruckt von den vielen Polizeiautos ziehen mehr und mehr Bürger, darunter viele Kommunalpolitiker, zum Gotteshaus. Nach und nach treffen auch die fünf Pilgerzüge aus den Ortsteilen ein. Einen führt Superintendent Hans-Joachim Corts. Der Gottesdienst unter freien Himmel mit rund 250 Besuchern wird zum Happening. Trotz strömenden Regens zelebrieren Heinrich Fuchs, evangelischer Pfarrer in Mülldorf, und sein katholischer Kollege Peter Emontzpohl, Dechant in Niederpleis, in ökumenischer Eintracht ein denkwürdiges Miteinander. Alle Gäste stimmen ein in einen ungewohnten Kanon: "Wir sind viele, wir bewahren Ruhe, wir gehen vielleicht ins Haus." Viele Passanten warten vor dem Bonhoeffer-Haus gespannt auf die Demonstranten. Wenn sie kommen, will sich Stephanie Färber "ganz genau ansehen, ob sie jemanden kennt".

Geplant war, auf den Mülldorfer Friedhof zu ziehen und Friedenslichter aufzustellen. Doch die Polizei hatte alles abgesperrt. Eine Gruppe Jugendlicher lief dennoch den Demonstranten entgegen. Sie kamen nur rund 500 Meter weit. An der Kreuzung Bonner Straße/Mendener Straße ging nichts mehr. Gegen 13 Uhr ist die Stimmung im Bonhoeffer-Haus ruhiger geworden. "Es ist gut, dass es nur so wenige sind", sagte der Beigeordnete Konrad Seigfried. Gleichwohl wirke auf ihn der Aufwand für die Handvoll rechtsextremer Demonstranten ein "wenig grotesk und albern". Sogar eine Anlaufstelle für Kinder, die verloren gehen, war vorsorglich eingerichtet worden. Doch Seigfried freut sich auch: "Ich habe nicht damit gerechnet, dass so viele an der Straße stehen."

Nicht alle, die an der Straße standen, wollten das auch. Viele Anlieger hatten kein Verständniß für Demos, egal ob für oder gegen rechts. Polizisten zogen Sperrgitter quer über die Straße und ließen nur noch Bewohner der Bonner Straße passieren. Andere kamen nicht mehr herein. Auch Günter Theewes nicht, der eben einen Blumenstrauß für den Hochzeitstag besorgt hatte. Er wohnt im Fasanenweg, einen Steinwurf von der Sperre entfernt. Die Beamten blieben hart, die Bürger wurden böse. Lautstarke Wortgefechte entwickelten sich. "Wissen Sie eigentlich, was ich jetzt für einen Umweg gehen muss" schrie ein Zorniger. "Nein", entgegnete ein Polizist, "wir kommen aus Aachen und haben unsere Befehle."

Gegen 15 Uhr hält es Emontzpohl nicht mehr am Bonhoeffer-Haus aus. Außer vielen Polizisten und wenigen Standhaften war immer noch nichts zu sehen. Der Dechant stand noch ganz unter dem Eindruck des Gottesdienstes: "Es war beeindruckend, wie viele Menschen sich auf den Weg gemacht haben." Auch für seinen Kollegen Fuchs bleiben bewegende Erkenntnisse: "So etwas wie hier in Sankt Augustin hat es noch nicht gegeben."

Gegen 16 Uhr hatte kein Rechter das Bonhoeffer-Haus passiert - und das geschah auch nicht mehr. Die 16 Demonstranten saßen im Taxi und fuhren nach Hause. Einige Zuschauer ärgerten sich jetzt nur noch "über die Million Mark, die der ganze Einsatz gekostet hat - und das wegen der paar Spinner". Entäuscht waren die Schüler auf der Marktplatte. "Jetzt konnten wir denen noch nicht einmal zeigen, wie unerwünscht sie hier sind."


Quelle: General-Anzeiger



Zivilcourage und genervte Geschäftsleute


Siegburg - Mehr als 600 feierten "Fest für Menschlichkeit". Starke Umsatzeinbußen bei Einzelhändlern.

Während am Kreishaus Hundertschaften von Polizisten und die 16 Rechts-Demonstranten stehen, sieht das Bild im Siegburger Zentrum am Samstagmorgen ganz anders aus. Hunderte von Gegendemonstranten und weitaus weniger Polizei bestimmten das Bild auf dem Nogenter Platz.

Kurz nach 10 Uhr setzt sich vom Gewerkschaftshaus an der Kaiserstraße ein Zug Richtung Zentrum in Bewegung. Die IG Metall marschierte "Für mehr Menschlichkeit, Toleranz und Zivilcourage".
Die rund 180 Gewerkschafter gehörten zu den größten Gruppen, die zum Nogenter Platz gekommen waren, wo eine Bürgerinitiative eine große Bühne zum "Fest für Menschlichkeit" aufgebaut hatte. Zum "Siegburger Bündnis gegen Rechts" gehören Gewerkschaften, Flüchtlingsinitiativen, Ausländerbeirat, soziale Organisationen und Siegburger Parteien - wobei sich die CDU allerdings noch nicht dazu durchringen konnte. Die Veranstaltung auch finanziell zu unterstützen.

Selten dürfte sich ein so bunt gemischtes Spektrum mit bis zu 600 Menschen so einig gewesen sein, und die Redner hatten es nicht schwer, im Sinne aller zu sprechen. Pastor Joachim Knitter proklamierte etwa: "Wer Rassismus und Gewalt sät, hat bei uns keinen Platz. Da ist jede Toleranz am Ende." Eindringlich aber bat er um friedlichen und gewaltlosen Protest. Für Abt Placidus Mittler fiel die Demonstration in die letzten Tage seiner Zeit als Oberer der Benediktinermönche. 30 Jahre lang jedoch war er nicht nur der Abt seines Klosters, sondern auch der Abt der Siegburger gewesen. "Reden und bezeugen ist jetzt meine Pflicht", sagte er, und seine Ansprache war die bewegendste des Tages. Mittler erinnerte an die Kristallnacht, nach der seine Mutter noch gesagt habe: "Die Juden sind die ersten, wir Christen die nächsten." Mittler erzählte, dass er als junger Mensch "in einer seelischen Zwangsjacke" gelebt habe. "Unser Protest ist gut", bekräftigte er, aber man müsse darüber nachdenken, wie den Anfängen zu wehren sei.

Die Rednerliste war lang: Es folgten Wolfgang Overath, Michael Liß von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Peter Simon vom Verband Bildung und Erziehung, Vertreter der Schulen, von Antifa und "Linksruck". Kurzweilig war die Aktion dennoch. Denn die Kölsch-Rocker "Brings", Klaus der Geiger und verschiedene andere Bands sorgten für ein kleines Rock-Pop-Festival. Auf einer Nebenbühne legten drei DJs Techno und House auf.

Immer wieder zogen Gruppen von Demonstranten über den Marktplatz. Die Parolen hießen "Schulter an Schulter gegen Faschismus", "Kein Haus, keine Straße, kein Forum für Nazis" oder "Bürger lasst das gaffen sein, kommt marschiert in uns`ren Reih`n". Der Einzelhandel indes war der große Leidtragende. Da die Polizei das Zentrum gesperrt hatte und selbst die Autobahnausfahrt dicht war, verzeichneten die Geschäftsleute massive Umsatzeinbußen.

Ein Blumenhändler schätzte, dass er statt der gewohnten 300 Kunden nur 100 gehabt hätte. Verärgert war auch Kurt Hübel in seinem Fotogeschäft am Markt: Einen Kilometer weit habe er laufen müssen, weil sein Parkplatz gesperrt war, dann habe er auch noch 40 Prozent weniger Umsatz gemacht. Noch schlimmer hat es Uwe Söntgerath erwischt, der Geflügel und Eier nicht einfach eine Woche später zum Verkauf anbieten kann. "Ich habe heute 80 Prozent weniger verdient. Außerdem kann ich jede Menge Ware wegschmeißen."


Quelle: General-Anzeiger



"Wir haben keine Situation unterschätzt"


Bilanz - Landrat Frithjof Kühn und Einsatzleiter Georg Dissen sind zufrieden mit dem Ablauf der Demonstration in Siegburg und Augustin. "Es war richtig, diesen Aufwand zu betreiben".

"Alle Kräfte haben ihre Aufgabe hervorragend erfüllt." Eine rundweg positive Bilanz zog Landrat Frithjof Kühn am Samstagnachmittag im Kreishaus, knapp eine Stunde nach Ende des Siegburg-Sankt Augustiner Demonstrationsnachmittags. "Alles ist gut verlaufen - das war unser Ziel."

Auch Polizei-Einsatzleiter Georg Dissen ist zufrieden. "Unsere Aufgabe war es im wesentlichen, das Versammlungsrecht aller Gruppen zu schützen.
Das ist uns gelungen." Der Polizeidirektor sieht keine taktische Panne darin, dass Antifa-Demonstranten des "Linken Bündnisses gegen Rechts" im Pulk mit der Stadtbahn von Siegburg nach Augustin-Mülldorf fuhren, um sich dort erst an, dann auf die Kreuzung zu stellen. Auch  für diese "Spontanversammlung" habe das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit gegolten: "Wir haben keine Probleme mit Leuten, die ihren Protest friedlich durchführen wollen."

Die Teilnehmer von den Beamten erst umringen, dann abführen zu lassen, sei erst nötig geworden, als sie "unseren Auflagen für ihre Versammlung nicht folge leisteten" - nämlich die Kreuzung zu räumen um die Rechts-Demonstranten durchzulassen. Die Polizei habe "keine einzige Situation unterschätzt", sondern versucht, "behutsam und besonnen vorzugehen und wohl überdachte Entscheidungen" zu treffen. Dazu gehörte auch, dass nach 13 Uhr keine Stadtbahn mehr fuhr und der direkte Weg von Siegburg nach Sankt Augustin vollkommen blockiert war.

Von scharf links und von scharf rechts kam Kritik an der Polizei. Die sei "gegen vermeintlich ausländische Demonstranten härter vorgegangen", behauptet das "Linke Bündnis gegen Rechts". Ein Polizist habe einem Demonstranten "durch einen Schlagstock das Nasenbein gebrochen". Helmut Fleck behauptet, dass "Leute, die an der Demonstration teilnehmen wollten, nicht zum Treffpunkt durchgelassen worden" seien. "An uns hat es nicht gelegen, dass es nur 16 Leute waren", antwortet Georg Dissen. "Wer gewünscht hätte, an der Versammlung teilzunehmen, den hätten die Beamten durchgelassen."

Fleck hatte unterdessen der Polizei "Voreingenommenheit" vorgeworfen. "Wir hatten nicht den Eindruck, als wollte die Polizei unser Recht auf Meinungsfreiheit ernsthaft verteidigen", schreibt er in einer Pressemitteilung. Dem General-Anzeiger erklärte er, das "Bündnis" habe zur Marktplatte gelangen wollen - notfalls auch in Polizeibussen und egal, auf welchem Weg. Dissen erklärt hingegen, die Polizei habe mit Fleck "in intensiven Verhandlungen" gestanden. Wenn das "Bündnis für Deutschland" auf Umwegen zu seiner Abschlußkundgebung hätte gelangen wollen, hätte die Polizei diese Bitte erfüllt. Auch sei das "Bündnis für Deutschland" auf der Brücke nicht "eingekesselt" worden. "Die saßen nicht in der Falle. Sie hätten jeden Weg von dort weg nehmen können. Nur nicht den nach vorn."

Und was hat die ganze Aktion den Steuerzahler gekostet - von den Umsatzeinbußen der Geschäftswelt in beiden Städten ganz abgesehen? Frithjof Kühn gibt sich lakonisch. "´ne Menge Geld." Dennoch sieht der Landrat den Aufmarsch von 2000 Polizisten mit Dutzenden von Einsatzwagen, Wasserwerfern und Räumfahrzeugen nebst Hubschrauber gegen 16 Demonstranten nicht als Verschwendung. "Ich glaube, daß es richtig war, diesen Aufwand zu betreiben."


Quelle: General-Anzeiger


Last modified on 30-Sep-00 by Thomas Schürger (t.schuerger@menden.org)